
Trauma-Bonding - wenn das Nervensystem übernimmt
- Sabrina Lehmann
- vor 2 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Warum wir bleiben, warum wir überreagieren – und warum das nichts mit „falsch sein“ zu tun hat
Viele Menschen erleben Beziehungen, in denen Nähe und Schmerz sich abwechseln. Besonders in On-Off-Dynamiken entsteht oft eine starke Bindung, obwohl die Beziehung als belastend oder sogar schädlich erlebt wird. Dieses Phänomen wird Trauma-Bonding genannt.
Was dabei oft übersehen wird:
Es ist nicht der Verstand, der „versagt“ – sondern ein überlastetes Nervensystem, das versucht zu überleben.
Trauma-Bonding ist kein Charakterproblem
Trauma-Bonding entsteht, wenn Bindung immer wieder mit Stress verknüpft ist. Phasen von Nähe, Hoffnung oder Versöhnung wechseln sich mit Rückzug, Streit oder emotionaler Distanz ab.
Für das Nervensystem bedeutet das:
• Bindung = Sicherheit
• Bindung = Bedrohung
Dieser innere Widerspruch erzeugt Dauerstress. Das System bleibt in Alarmbereitschaft, auch wenn äusserlich „nichts passiert“.
Das kann jede Person betreffen – besonders in emotional fordernden Lebensphasen oder bei Menschen, deren Nervensystem früh gelernt hat, dass Bindung unsicher ist.
Wenn das Nervensystem überlastet ist
Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem braucht viel Energie. Wird diese Grenze überschritten, kann es passieren, dass Menschen plötzlich so reagieren, wie sie es von sich selbst nicht kennen:
starke emotionale Ausbrüche
körperliche Reaktionen ohne bewusste Kontrolle
impulsives Verhalten
das Gefühl, „nicht mehr man selbst zu sein“
Wichtig zu wissen:
Das sind keine bewussten Entscheidungen. Das Nervensystem übernimmt, wenn Regulation nicht mehr möglich ist.
In solchen Momenten geht es nicht um Logik oder Einsicht, sondern um Entladung.
Warum Scham hier so häufig ist
Viele Betroffene verurteilen sich im Nachhinein:
„So bin ich doch gar nicht.“
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Ein überlastetes Nervensystem reagiert reflexhaft. Nicht, weil jemand „instabil“ ist, sondern weil keine andere Strategie mehr verfügbar war.
Sensibilisierung bedeutet hier:
Nicht fragen „Warum habe ich so reagiert?“
sondern „Was war mein System gerade nicht mehr in der Lage zu halten?“
Trauma-Bonding zeigt sich im Körper
Trauma-Bonding ist keine rein emotionale oder mentale Dynamik. Es ist körperlich gespeichert:
Stresshormone bleiben erhöht
Bindung wird mit Überlebensenergie
verknüpft
Trennung oder Konflikt fühlen sich
existenziell bedrohlich an
Deshalb reicht „Erkennen“ allein oft nicht aus.
Das Nervensystem braucht neue, sichere Erfahrungen, um aus dieser Schleife auszusteigen.
Regulation
Regulation bedeutet:
Stress frühzeitig wahrnehmen
den Körper wieder in Sicherheit führen
neue Reaktionsmöglichkeiten aufbauen
Es geht darum das Nervensystem langsam zu entlasten, statt es weiter zu überfordern.
Zum Schluss
Wenn Beziehungen uns an unsere Grenzen bringen – emotional oder körperlich – ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Hinweis darauf, dass das Nervensystem zu lange zu viel getragen hat.
Verstehen schafft Entlastung.
Körperliche Begleitung schafft Veränderung.
Integrative Kinesiologie kann dabei unterstützen, das Nervensystem behutsam zu regulieren, körperlich gespeicherte Stress- und Bindungsmuster zu lösen und Schritt für Schritt wieder Zugang zu innerer Sicherheit, Selbstwahrnehmung und eigener Handlungsfähigkeit zu finden.


