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Zwischen den Generationen – Krieg, Körper und Erinnerung

  • Sabrina Lehmann
  • 17. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Geschichten, die nicht nur erzählt werden – sie werden im Körper weitergetragen. In meiner Arbeit als integrative kinesiologische Therapeutin begegne ich immer wieder dem Menschen, welche auf innere Zustände reagieren, die sich nicht vollständig aus ihrer aktuellen Lebenssituation erklären lassen.

Es fühlt sich an, als würden tiefere Schichten von Erfahrung im Körper mitsprechen.

Auch meine eigene Familiengeschichte ist Teil dieses grösseren Zusammenhangs. Meine Großmutter wurde 1918 geboren, meine Mutter 1956, ich selbst 1982.

Drei Generationen, geprägt von sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Realitäten – und doch verbunden durch Erfahrungen von Umbruch, Unsicherheit und deren oft stillen Nachwirkungen.

Wenn ich mich mit historischen Arbeiten wie dem Buch „Als die Soldaten kamen“ von Miriam Gebhardt beschäftige, wird deutlich, wie viele Erfahrungen lange Zeit keinen Raum für Sprache fanden. Vielen ist wohl bewusst, dass gerade in Zeiten von Krieg und Nachkriegsgeschehen enorme Belastungen entstanden sind, die nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Familien und Generationen geprägt haben.


Körper, Psyche und Weitergabe von Erfahrung

In der Psychologie ist gut belegt, dass intensive Erfahrungen nicht nur als bewusste Erinnerung bestehen bleiben, sondern sich auch in Beziehungsmustern, Stressreaktionen und inneren Schutzmechanismen ausdrücken können. Diese Muster entstehen in komplexen Wechselwirkungen zwischen Erleben, Umfeld und Verarbeitung.

Ein Teil der Forschung beschäftigt sich zudem mit epigenetischen Prozessen. Dabei geht es unteranderem um die Frage, wie Umweltbedingungen und extreme Belastungen biologische Regulationssysteme beeinflussen können. Sicher ist vor allem: Der menschliche Organismus reagiert auf anhaltenden Stress sensibel und passt seine Regulationsmechanismen entsprechend an.


Integrative Kinesiologie als Erfahrungsraum

In meiner Arbeit mit integrativer Kinesiologie begegnen mir diese Zusammenhänge auf sehr individuelle Weise. Der Körper zeigt oft Reaktionen, die sowohl aktuelle Lebensthemen als auch tiefere, biografisch geprägte Muster berühren können.

Dabei kann der Muskeltest als ein Werkzeug verstanden werden, das Hinweise auf mögliche Zusammenhänge innerhalb eines subjektiven Erlebens geben kann. Gleichzeitig bleibt entscheidend, diese Signale nicht isoliert zu betrachten, sondern sie im Kontext des aktuellen Lebens, der emotionalen Situation und der persönlichen Geschichte zu verstehen.

Diese beiden Ebenen stehen für mich nicht im Widerspruch, sondern ergänzen sich: das vorsichtige Erkunden möglicher Prägungen und das achtsame Begleiten dessen, was im Hier und Jetzt spürbar ist. Es ist ein Prozess, der

auf ein vertieftes Verstehen von inneren Zusammenhängen zielt.


Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Im Zentrum steht dabei nicht die Suche nach einer einzigen Ursache, sondern das Verstehen von Zusammenhängen: Wie entstehen innere Muster? Wie zeigen sie sich im Körper? Und wie können sie im gegenwärtigen Leben bewusster wahrgenommen und eingeordnet werden?

Vielleicht liegt genau darin eine besondere Qualität dieser Arbeit: Sie bewegt sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Ursprung und Ausdruck – und eröffnet einen Raum, in dem beides gleichzeitig betrachtet werden darf.


Trauer, Gegenwart und Anteilnahme

Was dieser Blick auf Generationen, Krieg und Erinnerung immer wieder deutlich macht, ist auch die tiefe Traurigkeit, die mit solchen Erfahrungen verbunden ist. Krieg und Gewalt sind keine abgeschlossenen Kapitel der Geschichte, sondern prägen bis heute das Leben vieler Menschen in unterschiedlichen Teilen der Welt. Familien werden auseinandergerissen, Lebenswege abrupt unterbrochen, und die seelischen sowie körperlichen Folgen reichen oft weit über das unmittelbare Geschehen hinaus.

In diesem Zusammenhang ist es mir ein persönliches Anliegen, meine Anteilnahme allen Menschen auszusprechen, die von Krieg, Vertreibung, Verlust und Gewalt betroffen sind – damals wie heute. Besonders gilt dies den Opfern sowie ihren Familienangehörigen, deren Leben durch solche Erfahrungen unwiderruflich geprägt wurde. Dieser Blick auf transgenerationale Zusammenhänge ist für mich immer auch mit Respekt, Demut und Mitgefühl verbunden.

 
 
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